Countdown: Tag – 6. Chronik zweier angekündigten Tode.

Wir sind gerade in Berlin. Cityslang, das Label meines Vertrauens, feiert 20jähriges Jubiläum. Wir sahen Get Well Soon und Calexico im Admiralspalast. Herr Cityslang setzte uns freundlicherweise in die Führerloge. Wir sassen sogar auf den Sitzen von Adolf und Eva. Ich war Adolf.

Der Augenmann sass ja im Publikum, daher gab es einen totalen Stromausfall am Höhepunkt des Calexico Konzertes. Joey Burns sang lange alleine und unverstärkt weiter. Er verdankt dem Augenmann das Wissen der Welt darum, dass seine Stimme nicht an Magie und Kraft verliert, nur weil sie leiser wahrgenommen wird. Man hätte keine Stecknadel fallen gehört, weil Joey war ganz nah an jedem einzelnen Ohr in dem Saal. Das war atemberaubend.

Bei der Aftershowparty begrüsste ich ihn dann auch überschwänglich, den Joey Burns, sind ja schon Lebensmenschen, quasi, wir zwei. „Oh my gosh! Nice to see you again!“ Er stellte sich aber als ein sehr verwunderter Trompeter einer völlig anderen Band heraus. „Hallo, ich bin der Fred.“ Ah. Brille wär‘ gut, ab 1. Dezember.

Der Augenmann schaffte es derweil, unter all den Musikleuten, Bandmitgliedern und Journalisten ausgerechnet in einen Literaturkritikergott hineinzulaufen und sich ad hoc in diesen zu verkrallen. Der hatte gerade das zweite Rockkonzert seines Lebens nach Bill Haley 1963 oder was gesehen. Sofort bewarfen sie sich mit Leckerlis wie Thomas Bernhard oder die falsch verstandene metaphysische Ebene eines Kehlmann im deutschsprachigen Literaturfeuilleton.

Später schickte der treuherzige Augenmann den ahnungslosen Herren mit einer Einladung in unsere Besenkammer in Wien und dem Link dieses Weblogs nach Hause.

Es geht aber nicht, dass jemand über meine Blähungen liest, der Standardwerke publiziert, mit Dürrenmatt eine Bordeauxgemeinschaft lebte oder internationale Literaturpreisträger dabei berät, ob sie noch zu jung wären, um nur Notizen zu veröffentlichen oder diese doch ausformulieren sollten. Bis die Reife und Grösse späterer Notizen, gestützt von ihrem bereits veröffentlichten Werk, sie über die Fassung in einen Roman erhaben macht.

Ich meine, ich schrieb hier über Filzläuse und das nicht einmal so konsequent grauslich wie eine Charlotte Roche. Was ist, wenn dem der Kopf versulzt bei den banalen Ergüssen und nicht mehr arbeiten kann? Jeder wüsste, wer schuld ist und ich würde den Rest meiner Tage in Schande leben. Für seinen Einkommensausfall müsste dann unsere Haushaltsversicherung aufkommen. Die überlegt aber sowieso gerade, uns kündigen, weil wir letztens das eingeklagte Schmerzensgeld für ein paar Schafmütter zu bezahlen hatten, denen beim Anblick unseres Hundes die Milch stockte und der Bauer zukaufen musste. 750,- Euro hat das gekostet. Ein verschwurbelter Literaturkritiker geht bei denen nicht mehr durch.

Aber ich habe eine Lösung für das Problem: Mord.

Ich bereite das klug vor. Muss dafür ein paar Besorgungen machen. Der Kritiker möchte nämlich heute noch einmal ein Konzert zu besuchen. Danach gibt es wieder ein sogenanntes Get Together. Er wird dastehen und mit des Augenmanns Gehirn kuscheln. Ich besorge ihnen derweil Wein. Schwäche sie gesundheitlich schon einmal erheblich, indem ich die falschen Gläser dazu reiche. Dann warte ich ein wenig. Hole aus und schütte vor ihren Augen Tetrapack-Uhudler in den Inhalt dieser einen weltweit letzten 94er Moselrieslingflasche.

Es wird schnell gehen, schmerzlos. Der Augenmann wird das leider auch nicht überleben, aber die Sache muss das Opfer wert sein. Nachdem wir ja nicht verheiratet sind, wird niemand auf die Idee kommen, ich hätte auf ein Erbe gespitzt. Nämlich die kaputten Küchenmaschinen. Die gehen in eine Sachwalterschaft über, seine Kinder volljährig sind. Schlage dafür die MA 48 vor.

Durch die Trauer und die Schuld gereift, kann auch ich damit beginnen, mir Notizen zu machen für Grösseres. Damit wäre gleich ein wichtiger Punkt meiner Wünsche an das Leben abgehackt, nämlich e.) Selbstdisziplin. Weil wenn man sich, plötzlich völlig auf sich alleine gestellt, ernähren lernen muss, dann hilft sie, so eine Einkaufsliste.

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