Countdown: Tag – 5. Die Dame mit dem Trolly

g.) … von Auslandsreisen durchwirktes Leben.

Unser Hotel hier in Berlin ist das Michelberger. Das hippste, was man im Moment bewohnen kann. Ein Fabriksbunker, geführt von einem 24 jährigen. Dunkle unverputzte Gänge, die von Screens beleuchtet werden, auf denen im Dauerloop „The Big Lebovsky“ gezeigt wird. Die Zimmer sind Wohnwaben. Keine Kästen. Die Duschen sind Plastiktafeln, wenn‘s zu heiss wird, geht der Feueralarm los und man bekommt New York Flair. Chaotisches, attraktives englischsprachiges Personal. Insofern uniformiert, dass alle Hosen bis zu den Knien hängen. Laute Musik in dem Rezeptionslaunchcoffeechillbereich. Lampen aus Büchern. Hotelhund.

Mich erinnert das an die Backpackerzeiten. Ja, die hatte ich. Es gibt ja eine Freundin, die behauptet, ich dürfe das Wort für mich nicht verwenden. Sie spricht da diesen einen Urlaub an, Guatemala. Wo sie immer 10 Meter vor mir gegangen ist, weil sie sich so geniert hat. Ich trampte nämlich mit einem Trolly durch die Mayastätten. Dafür habe ich eine Erklärung. Ich kam direkt von dieser einen beruflichen Mexico-Konferenz und musste irgendwo die Arbeitsunterlagen, CD‘s und Bestechungsgeschenke, unter anderem den silbernen Sombrero unterbringen. Ja, man hätte das am Flughafen L.A. storen können. Wenn man auf die Idee gekommen wäre.

Im Umgekehrten kann ich nur abraten mit ihr zu reisen, weil die scheisst sich nämlich nichts. Es gab Momente, wo ich schon einen Text an ihre Eltern aufgesetzt habe, was genau mit ihrer Tochter passiert sei.

Guatemala. Lake Atitlan. Ein schwarzer See, umgeben von Vulkanen. Wandern durch die Kaffeeplantagen. Es dampfte und es stank nach … Kotze. Das ist der Abfall aus der Kaffeeproduktion. Der wird der Kaffee, den sie hier dann trinken dürfen. Der gute Rest wird exportiert. Fair Trade, verseht sich.

Ausritt auf einen Vulkan. Wir treffen dort im Wald überraschend Jo wieder, einem Verehrer meiner Freundin. Das arme Schwein wurde von uns mitten im Dschungel beim Gackimachen erwischt. Timingchef. Am Gipfel haben wir den Ausblick auf den Atitlan See, die Vulkan, die Felder, die Arbeiter, das Land. Und auf den selbstbewussten Gockelhahn, der dort alleine oben wohnt, um keine Speise zu werden. Mein ca. 70jähriges Pferd Celeste stirbt beinahe den Hitzetot. Kann nur in Serpentinen einen Abhang hinuntergehen. Wir siechen auch, unser Führer hat den gesamten Wasserbestand in den ersten 10 Minuten alleine ausgesoffen. Wir kommen an ein Hütterl und kaufen dort das letzte Cola, um daran endgültig zu dehydrieren.

Am Hoteldach von Antigua schneidet sie mir die Haare mit einer Nagelschere. Davon hat sich meine Frisur bis heute nicht erholt.

Flug nach Tikal, der Mayastadt. Ich war müde von dem Dschungelgelatsche, vor allem mit Trolly, ausserdem warum immer hatschen und ich möchte wirklich einmal wissen, warum alles immer so anstrengend sein muss und….. dann bekam ich sie aber, die Blickwatschen. Der Dschungel hatte sich vor uns geöffnet und vor uns steht die Gran Jaguar Pyramide. Ich hielt jetzt den Schnabel. Was für eine Majestät. Wir untersuchten, bewunderten, kletterten ging weiter über diese alten Steine. Lasen über Riten und Geschichte.

Am nächsten Tag, ohne Trolly, Sonnenaufgang über Tikal. Entdeckten die nächsten Pyramiden, Gräber und Steinskulpturen. Aus dem Dschungel hörte man die Brüllaffen, ein übermächtiger Sound, ich hab mich eigentlich ordentlich gefürchtet vor denen. Bis ich das eichhörnchengrosse Tier entdeckt habe. Arg, was dieses Witzviech für ein Organ hat.

Ab der Grenze von Guatemala zu Belize waren die Leute auf einmal doppelt so gross und kohlrabenschwarz. Wir liessen uns zu einer Insel bringen, Caye Caulker. Mangrovenwälder. Ein Riff. Sand überall, auch in den Geschäften, weil‘s egal war. Verkehrsschilder „Go Slow!“ Kreolische Küche. „Yes, M‘am“, sagten die Kellner.

Wir wollten schnorcheln. Boattrip. Unser Waterparkführer ging mit Ködern ins Wasser und lockte Haie an, es wuselte nur so. Die waren gar nicht einmal so klein. Er bot uns an, auch ins Wasser zu kommen. „But please do respect the species.“ Alle zögerten. Meine Freundin bog derweil schon von der anderen Seite des Bootes um‘s Eck, mit einem Hai unterm Arm.

Unter Wasser war es so bunt und durcheinander wie in einem Spielzeuggeschäft. Ich hätte so gerne laut gelacht, weil das so schön war, wenn ich nicht dabei absaufen hätte können. Wir schnorchelten weiter, Mantas begleiteten uns. Als wir zu ihnen abtauchten, kamen sie, diese Zauberwesen und küssten uns auf den Mund, auf der Suche nach Krümeln. Ich war schockiert über diese Ehre. Grosser Moment in meinem Leben.

Später trieb man uns zurück in Richtung Boot, mit dem Hinweis, dort links hinten die Gegend zu meiden, da wären Barracudas. Dort, wo schon meine Freundin schnorchelte. Ja, die sahen echt fies aus, meinte sie später. Ich hab‘ sie dann alle Getränke bezahlen lassen.

An Abend dieses Tages sassen wir nicht auf der Veranda in den Schaukelstühlen und blickten übers Meer. Wir lagen wie die Shrimpe nebeneinander auf dem Bett, die Ärsche in der Höhe, möglichst nahe am Ventilator und wimmerten. Die karibische Sonne verlangt nämlich Sunblocker, auch unter der Kleidung.

Ansonsten traf man dort sehr unterschiedliche Leute. Manische Spanier. Franzosen, die nach Belize geflohen waren, weil sie in Guatemala auf einem Vulkan ein paar Stunden in einen Wald entführt worden waren. Sie mussten stundenlang auf Knien vor irgendwelchen Freiheitskämpfern mit Waffen an den Schläfen verharren. Bis die nicht genau wussten, was mit ihnen anfangen, uns sie frei liessen.

Wir tranken Rum mit dem Austeiger aus Chicago. Er sah aus wie Rübezahl und tuckerte seit Jahren mit irgend so einer Dschunke herum. Er sprach von der Familie. Bad woman. Ignorant children. Wir fragten ihn, ob er niemanden vermisse. Nein. Waste of time. Vielleicht bräuchten zumindest die Kinder seine Unterstützung? „Guess not“, meinte er. „They are grown up.“ „No reason for being safe“, sagten wir.

Dort war dann auch der Hotelbesitzer in mich verknallt. Wayne. Ich nicht in ihn.

Nach Belize trennten wir uns, meine Freundin und ich. Sie schloss sich einer Gruppe betrunkener Kubaner an. Um übrigens später noch einmal in Guatemala auf einen Vulkan zu steigen, von dem sie fast nicht mehr runtergefunden hätte vor lauter Nebel. Und es war natürlich genau der Vulkan, von dem die Franzosen in der Woche davor gekidnapped wurden.

Am Flughafen von Belize City sprach mich ein Mann an. „Hi, again.“ Es war der Aussteiger. Komplett rasiert, ich hätte ihn nie erkannt. Er fliege nach Chicago. Er hätte das Boot verkauft. Er möchte zu Hause einmal anläuten. Gut, sagte ich. Probieren ist immer gut. Beim Abschied schenkte er mir ein Kinderbuch. The Foundling Fox. Hab‘ ich noch.

„The little fox lay all alone
in the bushes, feeling scared.
He was waiting for his mother.
But his mother couldn’t come.
The poacher had shot her dead.“

„Will check out the kids.“ sagte er.

Ich hatte dann noch zwei Tage alleine in L.A.. Musste unbedingt zum Viper Room in Hollywood, dort wo River Phoenix gestorben ist. Der wäre dieses Jahr auch 40 geworden. Hätte viel spannendes zu bloggen gehabt, wenn er sich nicht die 8fache überlebbare Dosis an Speedball geschnupft hätte, abgesehen von dem Valium und Cannabis und was man noch in seinem Blut festgestellt hatte. Na, ich musste auf jeden Fall wallfahrten. Der Club war zu, no, na es war Vormittag. Davor sass ein kleiner Hund. Ich ging zu ihm hin und sagte folgenden Vollschas: „Are you River?“ Er biss mich in den Unterschenkel. War wohl nicht er, sondern ein Hund.

Ich humpelte ein Stück weite, und fand die berühmte „Book Soup“. Jener Bücherladen, in dem alle die Superen ihre Bücher kauften. Wahrscheinlich das einzige alte Haus in L.A. Verwunschene enge Gänge, Leitern, Galerien, Bücherhaufen. Perfekt unstrukturiert, sodass man auf jeden Fall sofort das fand, was man wollte. Es war staubig. Ich kaufte 8 Bücher. 8.

Damit schleppte ich mich in einen Bus, um mich herumzukutschieren lassen, meine Güte, Stadtrundfahrt halt. Der Busfahrer fuhr und fuhr, die Leute wurden immer düsterer. Irgendwann schmiss er mich raus, weil er keine Probleme haben wollte mit der möglichen  Leiche einer Auslandstouristin, dieser eindeutig Verrückten, die mit einem Hundebiss, mit Tramperrucksack, einem Trolly und einem Sack mit Büchern unterwegs war. Ich fand mich neben einer brennenden Mülltonne wieder. Bis heute verdächtige ich wen aus meinem Freundeskreis, das organisiert zu haben.

Viele Jahre später hörte ich noch einmal von Wayne. Herr Dr. Schüssel hatte uns da gerade die Wende beschert und damit auch unzählige Stunden an Erklärungen am Telefon und per Email, wenn man in einem internationalen Beruf gesessen ist. Und als dann auf CNN die Haider Parolen mit denen Hitlers verglichen wurden, da kam ein Email von Wayne. Ob ich okay wäre. Und meine Familie. Und meine Freunde. Ob wir verfolgt würden. Er kenne sich nicht aus. Das wirke alles verstörend, was man da aus Österreich hört. Und dass wir alle zu ihm kommen könnten, unentgeltlich und so lange wir wollten. Auch für immer. Unglaublich, so lieb. No, thanks, we are fine. We stay here, fighting the system.

Blöd eigentlich. Ich könnte jetzt Gefährtin eines echten Schatzes im Paradies sein. Aber die Liebe hat sich in ihrer Wahl noch nie um nachhaltiges Wohlbefinden gekümmert. Oder geografische Vorlieben.

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Eine Antwort zu Countdown: Tag – 5. Die Dame mit dem Trolly

  1. willie schenz schreibt:

    bin schon wieder da. war krank, tschuldigung. hab jetzt gerade die letzten fünf episoden nachgeholt, erwarte mir jetzt bald so eine autogrammkarte. andrea aka dusilova hat’s schon gesagt, du solltest mehr schreiben, liegt dir ganz gut, mehr wie reisen oder heiraten zb.
    apropos reisen. war zufällig auch in guatemala und belize, allerdings mit dem vw bus. am see atitlan ebenfalls, 1989 glaub ich.
    dafür kenne ich kaum irgendwelche berühmtheiten, das hat den vorteil das ich keine mordpläne schmieden muss und ausserdem meine lebensgefährtin sowieso nie jemanden nach hause einladen würde weils immer so ausschaut. sagt sie. obwohl, den plan mit dem tetrapakwein finde ich grenzgenial.
    schreiben ist etwas ganz eigenes, die sprache im allgemeinen ist absolut faszinierend.
    jedes wort ist mit assoziationen und emotionen verbunden, das wort fenster löst in einem sträfling ein anderes gefühl aus als in einem schreiner, die kunst besteht darin
    den leser in die welt des autors hineinzusaugen und das gelingt dir ganz gut.
    so, das war’s für heute. irgendwas provokantes wollte ich noch schreiben, des glatteises wegen, aber mir ist nix eingefallen. vielleicht nächstes mal.
    lg, willie

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