Countdown: Tag – 4. Kein Griff

Ansonsten gab es auch Reisen, professionellere, ohne Trolly. Australien. Kuba mit Ruhr. Kuba mit Augenmann. Malaysien. New York. Washington. Miami. Universal Studios und Disneyland – ich gebe die Gaudi dort zu. Europa, verschiedenste Länder. Städtereisen noch und nöcher. Würde aber den Rahmen dieses Blogs sprengen. Und interessiert vielleicht auch keinen.

Wobei man natürlich diese eine Reise ein wenig ausführen könnte. Die erste mit dem Augenmann. Die in der frisch verliebten Konsolidierungsphase. Geplant war Polen. Wir bereiteten das gut vor über Freunde. Krakau, Warschau, Danzig. Hatten sogar einen Termin mit einem alten Geschichtsprofessor, der den Holocaust überlebt hatte. Aber der Meinung war, man dürfe von diesem Schicksal kein Aufhebens machen, weil sonst geht nichts weiter. Wollte uns ein wenig herumführen. Auf den war ich sehr gespannt. Der Augenmann bekam aber am Tag vor seiner Abreise einen Kreativanfall und wollte auf gut Glück einfach nach Bulgarien reisen.

Aha. Okay. Toller Typ, so spontan.

Wahrscheinlich um unser Auto zu schützen, riess er bei der Abreise gleich einmal den Griff aus dem Kofferraum meines Autos heraus. Wobei ich das unnötig fand. War mir ziemlich sicher, dass ein weisser Daewoo Nexia nicht einmal in Bulgarien ein Statussymbol ist.

Sofia fing gut an, muss ich sagen. Hatte Charme. Bitterarm halt. Wunderschöne Häuser, komplett am zerbröseln. Ein, zwei nette Lokale.  Marktstandler schenkten mir dieses Getreidegetränk, das wie Zement schmeckte. Wir kauften ein paar Reiseführer und machten uns auf in das Land, dass eigentlich nur und zwar ausschliesslich von der Weltgeschichte verarscht wurde. Wenn man einen guten Magen hat, sollte man das mal wo nachlesen.

Die Leute verhielten sich dementsprechend. Es fing damit an, dass bei denen Kopfschütteln ja heisst und nicken nein. Wir brauchten eine Woche, um draufzukommen, dass das kein Volk von Debilen ist. Die, mit denen wir in Kontakt kamen, beeilten sich uns zu versichern, dass an ihnen und dem Land nichts dran sei. Was immer uns vielleicht doch gut vorkäme, wäre ein Irrtum. Und sofort zu melden.

Wir hatten aber diesbezüglich eh‘ nichts zu melden und zwar gar nichts. Spulten in zwei Wochen 4.000 km ab. Auf Strassen, die sogar die Fuhrwerke mieden und lieber die Wiesen nahmen. Das einzige nicht gefakte Kunstwerk auf unserer Route war ein trakisches Grab. Dass sich dann aber eh‘ als Attrappe herausstellte, das echte wurde wieder eingegraben, um es zu schonen.

Das ganze Land hatte als Hintergrundmusik den Soundtrack von Flashdance. Im Lokal, an der Tankstelle, als Strandbeschallung. Kein Scheiss. Irene Cara war überall. Ich konnte kein zweites Zimmer mieten. Der Augenmann hatte Whiskey dabei, um die Eindrücke zu verkraften und schnarchte daher manchmal, wenn der Tag besonders trübe war. Aber so eine Dekadenz wurde dort nicht akzeptiert. Ein Paar, ein Zimmer. Im katholischen Tirol wäre das nicht passiert.

Man isst dort die Speisen lauwarm. Des weiteren wird überall Käse drübergestreut. In die Suppe, auf den Salat, auf den Fisch. Alles lau, alles verkäst. Ich war Maria Antoinette und ass Kuchen. Das einzige echte kulinarische Highlight war ein Büffeljoghurt, dass wir im vorbeifahren an einem Kiosk erstanden haben. Lecker, müssen wir uns noch mal besorgen. Haben wir nie wieder irgendwo gefunden.

Nach 10 Tagen waren wir zermürbt und zerstritten. Um uns wieder in die Romantikschiene zu bringen, planten wir eine Fahrt ins Rosental. Dort, wo das berühmte Rosenöl herkommt. Das war ganz interessant, denn der Weg dorthin ging anscheinend durch ein Industriegebiet, eine Art Gstätten mit so Bonsaibüschen, unterbrochen von schwarz rauchenden Schloten und riesigen Fabriksbunkern noch im eindeutigen Russenstyle. Irgendwann wurde mir die Fahrerei zu lang und ich sah‘ nach, wann denn endlich das Rosental käme. Wir fuhren bereits seit 20 Kilometern darin. Und diese ganzen Omas und Opas und deren Enkelkinder, die in der Landschaft herumkreuchten, waren die Arbeiter. Sie waren wohl von Natur aus gebeugt oder klein genug für diese Arbeit.

Lähmung. Gab‘s denn gar nichts Erfreuliches hier? Doch, weiter ans schwarze Meer, dort wurde in drei Reiseführern Don Pedro angepriesen, ein Fischer, der den besten Stoff des Landes zubereitet. Restaurant an der Küste. Blick auf‘s Meer.

Am Weg dorthin hatte der Augenmann das berührendste Urlaubserlebnis seines Lebens. Wir verfuhren uns in eine Bergstrasse und ganz oben, am letzten Dead End war ein halb verfallenes Gasthaus. Davor stand ein blauer Daewoo Nexia. Mit dem gleichen abgerissenen Kofferraumgriff wie unserer. Auf jeden Fall stieg der Augenmann aus, um den Besitzer zu suchen, erfolglos. Ich weiss nicht genau wieso, denn man hätte mit den beiden Autos unmöglich zu züchten anfangen können, damit kleine Matchbox-Daewoos rauskommen, mit kleinen hinigen Kofferraumgriffen. Wär‘ auch ein schwieriger Markt für eine Geschäftsidee. Er bestand dann darauf, in dem Gasthaus feierlich ein lauwarmes Eintopfgericht einzunehmen. Mit ordentlich Käse drüber. Ich ass nichts, es gab keinen Kuchen.

Später, am Meer, lernten wir Don Pedro kennen. Er stellte sich als ein eitler Bsuff heraus, der uns zwang, ihn sofort zu fotografieren, damit sein Ruhm weiter um die Welt gehen konnte. Das hätte er besser gelassen, denn wir assen dann seinen Fisch. Der schmeckte nach Erdöl und ich entledigte mich ihm schnell in Don Pedros gruseligen Hintergarten. Da lagen Knochen herum. Der Strand war eine 10 Meter Unterbrechung zwischen riesigen Felsklüften. Man konnte sich auch schlecht sonnen, weil die Ölpipelines dort verliefen.

Und das Meer? Kennt wer das schwarze Meer? Jemand schrieb darüber, es sei ein böses Meer. Und ich weiss jetzt, was gemeint ist. Das einzige Meer, das mein Herz nicht berührt hat. Kalte, öde Bracke.

Wir machten einen letzten Wohlfühlversuch und fuhren die „Golden Coast“ hinunter, der Touristenstrand. Zig Kilometer Bunker. Und Casinos. Lauter Ossis auf Sparurlaub. Flashdance, laue Suppe, Käse drüber. Dort sperrten wir uns in einer kleinen Pension ein und lasen zwei Tage im Bett, ohne miteinander zu sprechen. Weil wir uns für einen gemeinsamen Selbstmord nicht gut genug kannten, beschlossen wir die sofortige Heimreise.

Tag und Nacht durchfahren – bis nach Kroatien. Der Augenmann, fresstechnisch schon voll auf Turkey liess sich von einem Haubenkochfreund ein Hotel empfehlen. Ich sag‘ nur 1000 Euro in zwei Tagen. Doppelt soviel, wie wir in Bulgarien ausgegeben haben. Aber schön war‘s dort dann schon. Wir assen in der nächsten Zeit in Wien dann halt viel Butterbrot. Mit Schnittlauch. Kein Käse.

Später, als ich die Donautournee organisierte, erfuhr ich, dass wir es geschafft haben, wirklich the worst of the Schrecklichen gesehen zu haben. So ähnlich, wie Wien zu besuchen und nur den Gewerbepark Stadlau und den Albaner Hafen zu sehen. Mit einem gefakten Friedhof der Namenlosen aber. Die Tourismusverantwortlichen bestückten mich mit Fotos und Filmen, um mir das zu beweisen. Ich las Berichte über die Klöster und Städte wie Russe oder Vidin. Fantastisch. Kann ich jedem nur empfehlen, so eine Bulgarienreise. Ich komm‘ dann aber nicht mit. Weil ich hatte nie vorher und auch nie wieder nachher Heimweh. Nur in Bulgarien. Und ich hab mir geschworen, dass ich nicht mehr dort hin muss, wo wer den Kopf schüttelt, wenn er ja sagt.

Und ich muss noch so viel sehen. Antarktis, bevor sie weg ist. Nur noch ein paar Jahre Zeit. Des Spatzenbären Kinder sehen das nicht mehr. Madagaskar. Peru. Route 66. Bali. Mexico, nüchtern. Noch einmal Kuba, bevor der Fidel abkratzt. Neuseeland. Indonesien. Polen! Alles. Eigentlich wirklich alles. Da kann ich den Neuversuch mit Bulgarien  aussparen. Oder leicht abgewandelt der Text von Ben Harper’s Walk Away:

With so many Countries

to love in my live

why do I worry

about one?

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