Countdown: Tag – 3. Vom Schmuck

Ich trage keinen Schmuck. Ausser meine Kusine aus Holland ist da, dann trage ich den, den sie macht. Vor allem die Ringe finde ich wahnsinnig. Auf die Frau  bin ich überhaupt stolz. Abgesehen davon, dass sie das Aussehen geerbt hat, das ich verdient hätte, unterrichtet sie sogar auf der Universität, Design irgendwas. Ihre Website ist auf holländisch und ohne Onlineshop, alles Kalkül, damit sie der Geldregen nicht verdirbt. Guter Charakter also auch noch. http://www.alexandravandenpauwert.nl

Aber sonst trage ich keinen. Das kann jetzt mehrere Gründe haben. Ein Trauma von dem Autoraub damals in Südfrankreich, wo meine gesamte Schmucksammlung gefladert wurde. Weil die nimmt man mit 20 auf Urlaub mit. Oder Faulheit, weil man sich dann die tägliche Qual der Wahl der Accessoirs erspart. Oder weil ich nicht drauf aufpassen muss. Oder weil es mich wahnsinnig macht, wenn was an mir herumbaumelt. Oder mich abklemmt. Ich trage auch keine Uhren. Oder Vernunft, weil es einem dann an keinem Schmuckgeschäft mehr reisst, weil man was haben will. Ich bin vermutlich die einzige Frau der Welt, die von Männern schon angefleht wurde, sich für Schmuck zu interessieren. Weil sich dann das Geschenkeportfolio massiv erweitert. Musik oder Konzertkarten konnte man mir ja auch lange Zeit schlecht schenken.

Wir müssen aber noch, jetzt, beinahe am Schluss, die Schlagworte Vorträge ohne Lampenfieber, Theaterprojekte, Anerkennung von allen Seiten behandeln. Jetzt, beinahe am Schluss. Das hat einen Grund, des Aussezahn. Denn das ist mein Hinkebein.

Als Kind haben wir Theaterstücke geschrieben und mit Inbrunst und Erfolg aufgeführt. Die Gage waren Süssigkeiten, wir hatten deshalb dicht gesäte Wiederaufnahmen unserer Stücke. Ich verkleidete mich sonst auch viertelstündlich und es gibt viele Geschichten über mich von Liedern oder Gedichten, die ich gerne und jedem vortrug. Aber damals fand man mich süss. Dann wurde ich grösser und wir zogen um und alle waren fremd und dann bekam ich die Zahnspange und süss sagte keiner mehr. Und wir waren dann an diesem einen Tag am Eislaufplatz, ich mit zwei echt auch nicht so wahnsinnig attraktiven Klassenkolleginnen. Die wurden von so Prolos nach den Namen gefragt. Susi und Strolchi  oder wie die hiessen, was weiss ich. Und dann schauten die Typen mich an: „Und du heisst nix.“

Das habe ich mir gemerkt. Und zwar nur deshalb, weil ich in dem Moment deren Meinung war. Und, komisch, so viel Beifall und so viele Komplimente sollten noch folgen in meinem Leben, aber diese zwei Proleten haben mir das Haxerl anbrechen können. Ich hoffe, sie schmoren in der Hölle. Oder haben zumindest schütteres Haar. Oder Muru.

Seitdem habe ich Todesangst vor Publikum. Reden vor Konzerten, Pressekonferenzen, ein Albtraum. Ich hatte reale Blackouts. Konnte nicht weitersprechen. Musste mich hinsetzen. Oder weggehen. Furchtbar, die Vorstellung, auf eine Bühne zu müssen, wo andere Künstler mit mir interagieren müssen und ich stehe da und bin ein Stalagmit. Kameras: ich bin ein Zombie. Es existieren nur Fotos mit Grimassen von mir, ausser ich hab‘s nicht mitbekommen.

Weil, warum? Weil ich jedes mal sicher bin, dass wer aufsteht und sagt: „Ich kenne dich! DU HEISST NIX.“ Wenn wer meint, das wäre ein Komplex, hat er recht, aber was mache ich mit der Info? Eh‘ wäre es egal, wer das sagt. Aber ich will nie mehr das Gefühl erleben, dass er recht hat. Will’s nicht hören. Die Welt ging deswegen an der österreichischen Scarlett Johanson vorbei. Ah, nein, die kann singen. Also dann halt neuen Elfie Ott. Das war nur nicht so, wenn mir was total Banane war. Die Konferenzen kein Problem. Ich kannte jeden persönlich, weder die Künstler noch die Zahlen hatten mit mir zu tun, weiters war ich in einem unbedeutenden Markt versteckt.

Manche Freunde wurden Schauspieler oder etwas ähnliches. Die habe ich sehr nachdenklich von dannen ziehen lassen.

Freundliche Menschen haben mir schon Seminare und Coaches empfohlen. Gerne, wenn ich dort nicht vor mehreren Menschen sprechen müsste. Ich finde ja Phobien so unglaubwürdig. Man hat ja immer so ein Bild von sich, wie es sein müsste. Und ich bin nicht feig. Daher habe ich meine Flugangst und Höhenkoller mit einem Fallschirmsprung bekämpft. Da wird man in so Blechschüsseln, wo man am Boden sitzt, hinaufgeflogen und muss dann runterspringen. Der Flug war furchtbar, aber der Sprung hat mir nichts ausgemacht. Das war so dermassen absurd, dass mein Hirn dachte: oh, ein Film, wie nett. Bin auch gemütlich am Fallschirm gebaumelt und habe die Landschaft genossen. Bis zur Baumgrenze. Dann wurde Höhe wieder real. Dann hatte sie mit mir zu tun. Und ich bin komplett ausgeflippt. Wir hätten uns beinahe alle Knochen gebrochen bei der Landung. Ich hielt mich aber nach der Aktion für geheilt und schleppte den Augenmann am nächsten Tag ins Blumenrad in den Prater. Von dort oben wollte ernsthaft dann hinunterklettern, weil das Ding nicht schnell genug um die Kurve war. Ich hatte dann blaue Flecken vom Augenmann, der mich festgekrallt hat.

Ein- oder zweimal im Jahr stelle ich mich auch irgendwelcher Kolumnenlesungen. Ich habe dann Ersatzgewand in der Garderobe, weil ich nachher klatschnass bin. Der Augenmann war das letzte Mal im Rabenhof so umsichtig, NICHT wie besprochen auf das Kind aufzupassen, sondern es einer wildfremden Kollegin zu überlassen, um mir zuzuhören. Ich sass auf der Bühne, las verkrampft über Penisse, während hinter mir mein Baby nach mir rief. Hat mich nicht befreit von dem Trauma, das Erlebnis. Guter Tip übrigens, bei solchen Gelegenheiten die Babysitterin nicht erst am gleichen Tag um 17 Uhr anzufragen, ob sie Zeit hat.

Ich übertrage das Problem, wie schon erwähnt, auch auf Bühnenmenschen, die ich mag. Daher konnte ich bei der einen Premiere des Augenmannes nicht dabei sein, weil ich frisch entbunden habe, bei der nächsten, weil das Kind ohne mich noch nicht schlief, dann weil ich Socken zusammenrollen musste und die letzte habe ich dann halt besucht. Der Spatzenbär war gnädig und machte einmal Quack im Tiefschlaf, musste dann sofort und für den Rest der Vorstellung hinaus.

Gar nicht hätte ich das Problem des eigene Anspruches, wie der Augenmann. Dem sind ja Kameras oder Leute egal. Er ist aber am Ignaz-Kirchner-Effekt erkrankt. Mit dem hat er einmal darüber gesprochen, wie es so ist, wenn man auf eine durchaus erfolgreiche Karriere zurückblickt. Und Preise bekommen hat. Und Laudatios über einen selber. Aber es bliebt so ein kleines „oje,… jetzt“ im Herzen. „Ja, und JETZT fliegt der ganze Schwindel dann auf!“ meinte Ignaz Kirchner verständnisvoll und traf den Punkt. Das betraf aber die Qualität.

Nö. Das wäre nicht mein Problem. Ich bin ja autoritätshörig genug, dass ich mir von einem Regisseur oder sonst wem Anweisungen geben liesse. Es darf mich auch wer nicht gut finden. Aber keiner kann mir versprechen, dass niemand aufsteht und mich NIX nennt. Und deswegen waren die Berufe auch nie so ganz ureigenst meine Berufungen. Weil wenn da wer zu mir NIX sagt, dann trifft‘s mich nicht in so Chakren, die ich gut zu verstopfen wusste. Und ich war da begabt. Ich spielte die Managerin, die Vermittelnde, die Organisatorin, die Arbeitslose. Was gerade gefragt war und mir was zu essen gab. Ich war sogar einmal Muse.

Schmuck an mir hätte mich aber zu sehr verwirrt. Ich wollte mich nicht komplett verlaufen in eine Rolle. Die der Aufgetakelten. Die der Alternativen. Die fancy Bobo-Braut. Die Frau mit dem Perlohrring. Ich wollte irgendwas an diesem unverblümten Kind behalten, die eine Räuberin spielte und während der Vorstellung das Konzept umgeschmissen hat, weil ihr was besseres eingefallen ist. Und es sogar so gewuppt hat, dass es sich dramaturgisch ausgegangen ist. Ui, jetzt merke ich, ich wäre Klausine Kinsky geworden. Na, niemandes Problem.

Die good news: Ich erkläre nun den Schmuckbann für beendet. Nicht erst am ersten Dezember. Sofort. Ich öffne diese eine Truhe, die ich einmal geerbt habe und in der nur 2 Ringe, ein paar kaputte Swatch-Uhren und 1 Zopfband sind. Her mit den Juwelen, teuerst, baumelig, fancy oder konservativ, Perlen darf man sich ja ohnehin nicht selber kaufen, bringt ja Unglück.

Weil jetzt, mit 39 363/365tel bin ich zu alt für Jungschauspielerin oder sonst irgend eine kirre Karriere, die mit massiver Selbstdarstellung zu tun hat. Ich brauche mich nie mehr beobachten oder besinnen oder mich fragen, wer oder was mit mir ganz persönlich anzufangen sei. Ich habe fast 40 völlig zerspragelte Jahre und einen Spatzenbären vorzuweisen. Wenn jetzt wer NIX zu mir sagt, hat er unrecht. Ich bin frei und werde jetzt überhaupt lebensinhaltlich Christbaum. Und nein, ich bin keine Schauspielerin.

Tauge.

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2 Antworten zu Countdown: Tag – 3. Vom Schmuck

  1. joyindigo schreibt:


    es warat wegen dem NIX 🙂

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