Countdown: Tag -1. Von der Aussicht

„Du tust grad so, als wäre dein Leben interessant“, sagte der eine Freund letztens. Doch, ja. Und ob das mein echtes Gefühl dazu ist oder doch das Stockholmsyndrom, quasi kidnapping ins eigene Schicksal, ist sogar egal. Geburtstag morgen, Zeit der Wünsche.

Abgesehen von schönen Zähnen, von keinen Kriegen mehr hören müssen, Selbstdisziplin, Weltherrschaft, nein, die doch nicht, dafür Nah- und Fernreisen, Feiern mit Lachkrämpfen, Kunstgenuss mit der richtigen Begleitung, Ruhe, Natur-Prosac-Laune oder zumindest Nerven, Erwerb neuer Fertigkeiten, kann auch basteln sein, bin ja nimmer so, Abenteuer, einem milden Verfall meines Körpers, wichtig: mild heisst eben nicht engagiert, Schlaf so oft ich will, endlich einer erträglichen Singstimme inklusive präziser Intonation plus/minus einem Halbton, dem Haar meiner Kusine, einem eigenen Auto,

– weil es war ja schliesslich nicht ich die, die meines zusammengeritten hat, was heisst zwei Autos sind unöko, ist mir egal, ich brauch‘ das zum frei fühlen und zum drin herumfahren und nachdenken, das ist meine persönliche Wohnwabe, meine Denkblase, ich habe jetzt schon jahrelang nicht mehr gescheit nachdenken können oder Musik hören, ohne dass wer mitsingt, ohne Auto bin ich psychisch amputiert und die Diskussion kotzt mich auch schon an, na warte, sobald ich wieder eine eigene Kohle habe, kaufe ich mir einen HUMMER und picke dein Konterfei drauf-

weiters Güte, Geldverdammt, Demut auch von mir aus, möchte ich …

… in dem kleinen Haus sein, oben auf der Anhöhe. Viel grün rundherum, ein kleiner Wald. Man sieht ins Tal, ein Fluss windet sich bis in den Horizont. Nah‘ bei mir ist der gesunde, lebenshungrige Spatzenbär von Welt. Weil daheim ist dort, wo die Kinder sind, hat der Danzer einmal gesagt. Meine Schwester ist da mit ihrer Familie. Und sieht meinen Buben auch an, als wäre er ihr eigener.

Der Augenmann biegt ums Eck, vielleicht sogar mit dem Spatzengeschwisterl am Arm. Er ist von oben bis unten mit einer raffinierten Sauce angepatzt und fragt mich, ob wir noch wo einen Pürierstab haben. Weil der eine sei kaputt.

In der Stube sitzen die Omis und die Opas um einen gemütlichen Tisch und plaudern. Das trifft sich gut, muss sie noch was fragen. Sie haben mein erstes Kind bei sich. Ich nehm‘s an die Hand, endlich.

Mein Vater schreibt etwas am Sofa. Er schaut mich manchmal an. Wartet, ob ich vielleicht den verkehrtherummen Platz brauche, auf seinem Schoss. Damit das Schiache hinter meinem Rücken passieren kann. Die Mama ist da und streicht mir mit der Hand über die Wange. „Ist schon gut“, sagt sie. Im Schlafzimmer richtet die Moidi unsere Betten her. Ganz eng zusammen stehen die. Die Augenmannfamilie werkelt in der Küche herum und ist sehr laut. Mitzi, der Hund steht da und stinkt.

Durch‘s Fenster seh‘ ich den grossen Sohn vom Augenmann unter einem Baum sitzen. Er hat die Kopfhörer auf und hört Drum ‘n Bass. Dessen Mutter sitzt neben ihm und liest. Richtet sich die Brille.

Oben im Stock lachen die Freundinnen und Freunde. Sie kaspern über mich, aber es klingt freundlich.

Dann geh‘ ich vor die Tür. Hab‘ auf einmal eine Ahnung, was aus mir werden soll. Und hoff‘ auf Glück.

Jetzt denke ich an das Mädchen, über das einmal im Fernsehen berichtet wurde. Sie war 10 Jahre alt und litt an diesem Gendefekt, der die Kinder rapide altern lässt. Sie sterben meist vor der Pubertät. Ihr wurde ihr grösster Traum erfüllt, ein Flug zum Vesuv – und der Spaziergang rund um den Vulkankrater. Zurück im Hotel wurde sie gefragt, was sie jetzt denke. „Ich bin erleichtert,“ sagte die kleine Alte. „Weil ich bin von diesem Wunsch befreit“.

Morgen also bin ich 40. Yuppi Du.

http://www.youtube.com/watch?v=82unZmDL2BU

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2 Antworten zu Countdown: Tag -1. Von der Aussicht

  1. Heinz Duschanek schreibt:

    Shit, und ich schaff’s nicht mehr, Dir zum Geburtstag in time zu gratulieren. Es dauert noch eine Dreiviertstunde bis 12, aber ich derblas‘ es nicht zu warten. Naja, in dem Alter. Vor 20 Jahren bin ich um die Zeit ins U4 aufgebrochen, jetzt komm‘ ich ans Bett gekrochen.
    Jedenfalls erst mal Danke für die Einsichten und Ansichten und die Erkenntnis, andere leben fast dasselbe Leben wie ich. Na super. Gibt’s da wo eine Selbsthilfegruppe für Menschen?

  2. mmb schreibt:

    Danke für die vergangenen 40 Tage mit Einsichten in das Leben der List.
    Werd ich vermissen.
    Oder schreibst nun – da Glattauers „Theo“ entwachsen ist über den Spatzenbären und seine Familie 😉 ?

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