Was es bringt

Geplättet liest man die Biografien der drei Frauen, denen letzte Woche der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Diese eine jemenitischen Journalistin, die mit  knapp über Dreissig schon so viel für die Rechte in ihrem Land erreicht hat. Oder die erste  liberianische Präsidentin und die liberianische Aktivistin, was haben diese Frauen erlebt und erduldet. Wie muss jemand gestrickt sein, der in diesen schwierigen Lebensumständen, ungeachtet der Angst um das eigene Leben oder das Leben der Kinder und sonstigen Anverwandten unermüdlich an der richtigen Sache dranbleibt? Ohne sich zu ducken und dem persönlichen, engen Alltag klein beizugeben.

 

Mut ist das Wort, das einem einfällt. Und Mut muss man wahrscheinlich üben. Dann reicht er vielleicht eines Tages, um nicht nur irgendwo mitzuschnattern, oder in den Internetforen oder auf Facebook schnell einen pfiffigen Protest hinzuposten. Um danach befriedigt und – in unserem Land sowieso – völlig gefahrlos meinungserleichtert seiner sicher abgesteckten Wege zu gehen.

 

Nachdem man nur bei sich selber beginnen kann, habe ich jetzt einen Anfang gemacht. Etwas getan, was Angst macht, was unangenehm ist und vielleicht schlecht ausgeht. Ich habe versucht, mich bei der einen Person zu entschuldigen, die ich furchtbar beleidigt habe. Nein, es ging nicht gut aus. Sie hat mich in die Hölle geschickt. In der sitze ich nun, aber mit der Gewissheit, dass es das wert war. Immerhin weiss ich jetzt, dass diese Freundschaft nicht zu retten ist.

 

Als nächstes kann man jetzt grössere Projekte angehen. Wieder welche, die keine Feigheit oder Bequemlichkeit dulden. Ich gehe in dieses eine Geschäft um‘s Eck, wo die Besitzerin seit Wochen grün um die Nase und neuerdings mit Kopftuch hinter der Budel sitzt, und frag‘ sie wie die Chemo anschlägt. Und ob sie etwas braucht. Ich werde die Bekannte im Krankenhaus besuchen, die seit Juli im Koma liegt und ihr vorlesen. Man weiss ja nicht, vielleicht bekommt sie‘s mit. Oder am 15. Oktober am Internationalen Aktions-Tag für den Globalen Wandel weltweit mitdemonstrieren und mir nicht denken: Ist eh‘ für‘n Hugo. Für das Freunde-Schützen-Haus spenden, einfach so, einmal einen Patzen Kohle statt der neuen Winterstiefel. Und dort anrufen, ob man sonst etwas tun kann.

 

Nein, man weiss vorher nicht, was es bringt. Die drei Frauen wussten auch nicht, dass sie den Friedensnobelpreis bekommen werden. Sie haben, mit Mut, das getan, in ihrem direkten Umfeld, was jetzt dringend notwendig ist, um ihre Welt zu verbessern. In dem sie sich für sie interessiert haben.

 

Man kann aber zumindest davon ausgehen, dass kleine mutige Taten befriedigen, weil der innere Schweinehund gekillt wurde. Und dann liebt man sich dafür. Und das tut dann schon echt gut.

Kolumne für derstandard.at vom 10. Oktober 2011

 

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